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In den letzten vier Wochen war ich rund 2000 Kilometer mit der Deutschen Bahn unterwegs. Mir ist aufgefallen: Wer öfter mit der DB fährt, erkennt Nicht-Bahnfahrer relativ schnell. Das verrät allerdings mehr über die Viel-, als über die Wenignutzer.

Der Zug steht, mitten auf der Strecke. Kein Grund auf die Uhr zu schauen, denke ich mir. Der Frau gegenüber reicht das schon, um die Lektüre ihres Klatschmagazins zu unterbrechen, betont genervt zu seufzen und übermäßig lange auf die Armbanduhr zu schauen. Typische Reaktion für jemanden, der noch nicht allzu oft von den kleinen und großen Verspätungen der Bahn gefrustet wurde.

Aber, irgendwie hat die fremde Frau mit dem Klatschmagazin mit ihrer Reaktion ja recht: Wahrscheinlich handeln wir uns gerade Verspätung ein. Gefühlt kommt das ziemlich oft vor:

Dass der Zug einen anderen Zug vor sich hat.
Dass der Zug einen anderen Zug vorbeilassen muss.
Einen Streckenabschnitt gerade nicht befahren kann.
Es zu betriebsbedingten Unterbrechungen kommt.

Das stumpft mit der Zeit dermaßen ab, dass ich mir mittlerweile über solche ungeplanten Zwischenstopps keine Gedanken mache. „Sind halt die üblichen fünf Minuten Verspätung“, denke ich mir. „Das nervt“, denkt sich wahrscheinlich die Frau gegenüber.

Bahn-Triathlon: Rausdrängen – Sprint zum Gleis – Reindrängen

Alles nicht so tragisch, wenn man mit einer Direktverbindung fährt. Tragisch wird es erst, wenn man den teilweise sportlichen Umsteigezeiten unterliegt, die von der Bahn und ihrem Reiseplaner vorausgesetzt werden. Und nicht immer warten die Anschlusszüge auf die Reisenden. Dann heißt es „Survival of the fittest“ – wer schafft den Triathlon aus Rausdrängen, Sprint zum nächsten Gleis, Reindrängen in unter drei Minuten? Die günstigsten Verbindungen sind meistens solche Umsteigeabenteuer.

Ich versuche, solche Verbindungen zu meiden, wo es nur geht. „Muss ja nicht sein“, denke ich mir. „Darf nicht sein“, denken sich Selten- und Nicht-Bahnfahrer, wie die Frau mit dem Klatschmagazin und regen sich auf. Und sind leicht zu erkennen.

Merke:

  • Je sichtbarer die Reaktion eines Bahnreisenden auf negative Entwicklungen (Verspätung, Anschluss verpasst, …)  ist, umso seltener fährt er wahrscheinlich Bahn.
  • Umgekehrt gilt: Eine nicht vorhandene/erkennbare Reaktionen auf negative Entwicklungen deutet mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen Vielfahrer hin.

Als Vielnutzer der Bahn stumpft man ab, wird gelassener. Setzt ein Pokerface bei Verspätungen auf. Die Toleranzschwelle steigt, auch aus Selbstschutz. Man fügt sich halt dem Abenteuer Schicksal Bahnfahren.

Kundenbetreuung: „Nicht jetzt!“

Eine andere Fahrt, von Leipzig nach Bremen. Ich suche meine Sitzplatzreservierung, aber irgendwie stimmt die Nummerierung nicht. „Entschuldigung, ist das hier Wagen 9?“, frage ich und bekomme darauf ein nicht ganz sooooo freundliches „Nicht jetzt!“ von der DB-Mitarbeiterin zu hören. Ob Toleranzschwelle, Selbstschutz oder Abstumpfung – irgendetwas ließ mich die Situation akzeptieren. An der Supermarktkasse, im Kino, im Laden hätte ich ihr etwas entgegnet. Im Zug aber denke ich mir: „Vergebene Mühe.“ Das Geld für die Reservierung habe ich mir auch nicht zurückgeben lasse, mit dem Handy-Ticket könne man das nicht am Schalter beantragen. Das ginge nur, wenn ich mit einer ausgedruckten Fahrkarte wiederkommen würde. Geschenkt.

Mein Vorsatz für die nächsten Bahnfahrten: Mehr wie die Wenignutzer der Bahn sein und mich nicht ganz so bereitwillig in jedes Schicksal fügen. Auch mal betont auf die Uhr schauen und genervt seufzen.