Leben nach dem Hype

Wie Serial weiter Maßstäbe für Podcasts setzt

„From This American Life and WBEZ Chicago, It’s Serial…“.

Mit der ersten Staffel hat Serial einen internationalen Hype ausgelöst. Podcasts einen Weg in den Mainstream geebnet. Über 80 Millionen Downloads erreicht. Neue Maßstäbe für erzählerische Audio-Formate gesetzt. Mit dem Peabody-Award den Oscar des US-Rundfunks gewonnen.

Nach diesem Paukenschlag konnten die Erwartungen an die zweite Staffel kaum größer sein. Verstecken muss sich der Nachfolger nicht, ganz im Gegenteil. 

Grafik: Carl Burton, Serial

Dem Hype widerstanden

Die Erwartungen hätten nicht höher sein können, als die erste Folge der zweiten Serial-Staffel am 10.12.2015 veröffentlicht wurde, knapp ein Jahr nach Ende der ersten Staffel. Hatte Serial doch in der Zwischenzeit einen regelrechten Hype um Podcasts ausgelöst. Zuerst in den US-Medien, dann in den deutschen. Aus dem Spin-Off von This American Life ist innerhalb weniger Monate der weltweit erfolgreichste Podcast gewachsen, auch dank der Medienpräsenz. Von dieser gigantischen Aufmerksamkeit für das Format konnte Ende 2014 nicht zuletzt auch das heute sehr erfolgreiche Podcast-Unternehmen Gimlet Media profitieren. Das war zwar schon zwei Monate vor Serial gestartet, konnte aber erst in dessen enormen Windschatten wirklich Fahrt bei den Investoren aufnehmen. Auch das sehr erfolgreiche This American Life von Ira Glass wirkt – trotz treuer Hörerschaft und über zwanzig Sendejahren – mittlerweile fast schon wie ein Zwerg gegen das eigene Spin-Off.

„Serial rocketed podcasting into the cultural mainstream“

Was die erste Staffel von House of Cards für die Streaming-Dienste war, das ist die erste Staffel von Serial für die Podcast-Branche gewesen. Darauf hätten sich seine Macher sehr bequem ausruhen können. Sie hätten garantiert einen weiteren Mordfall gefunden, dessen Recherche in die Fußstapfen vom internationalen Erfolg der ersten Staffel hätte treten können. Das Team um Reporterin Sarah Koenig und Berater Ira Glass hätte 2015 einen weiteren True-Crime-Podcast liefern können, dem selbstausgelösten Hype um reale Verbrechensfälle weiter nachspüren und ihn problemlos bedienen können. Serial hätte weiter wöchentlich neue Episoden produzieren können und halbjährlich neue Staffeln liefern können. Hätte.

Serial ist erwachsen geworden

Vom Teenager-Mord zum Afghanistan-Krieg

Serial - Staffel 1

DER TEENAGERMORD
Adnan Syed sitzt in lebenslanger Haft, für den Mord an seiner Ex-Freundin Hae Min Lee im Jahr 1999. 15 Jahre später recherchiert Serial-Reporterin Sarah Koenig den Fall & stößt auf Ungereimtheiten. (Foto: This American Life)

Serial - Staffel 2

DER SOLDAT IN AFGHANISTAN
US-Sergeant Bowe Bergdahl war 5 Jahre in Gefangenschaft der Taliban, nachdem er 2009 seinen Posten auf eigene Faust verlassen hatte. Serial beleuchtet seine Motive & den Afghanistan-Einsatz der US-Streitkräfte. (Foto: U.S. Army)

Serial hätte sich in der zweiten Staffel einfach selbst kopieren können. Stattdessen hat das Team um Sarah Koenig und Ira Glass für den Nachfolger einen anderen, einen eigenen Weg gewählt. Die zweite Staffel setzt damit wieder neue Maßstäbe – wenn auch in leiseren Tönen als das Erstlingswerk. Ein Vergleich [ohne Spoiler].

Blick zurück: Serial – Staffel 1

Die Recherchen aus Staffel 1 ließen sich nebenbei und mit „halben Ohr“ weghören. Bei der Orientierung halfen die vertrauten Romeo-und-Julia-Motive, die Anspielungen auf das tragisch-verschiedene Liebespaar und auf die Doppelrollen der Charaktere. Der Personenkreis blieb dabei überschaubar. Dazu nahm Reporterin Sarah Koenig ihre Hörer stets an die Hand und mit zu ihren Recherchen, Interviews und Ortsbesichtigungen. Die Hörer durften mit Koenig gemeinsam entdecken, staunen, glauben, zweifeln – und ihre eigenen Schlüsse ziehen.

Staffel 1 war die Recherche eines undurchsichtigen Teenager-Mords im überschaubaren Vorort, ein flüchtiger Einblick in die Schwächen des US-amerikanischen Rechtssystems, war das ausgiebige Stöbern im Notizbuch einer Reporterin. Staffel 1 war auch das Eintauchen einer weißen Mittvierzigerin in das Leben zweier Teenager mit ausländischen Wurzeln. Sie war das Kennenlernen zwischen einer Journalistin und ihrem Publikum, gleichzeitig das Erkunden eines Formats. Staffel 1 war ein Experiment.

Die Serial-Macher haben experimentiert und ausgelotet, wie verschiedene Mischungen von unterhaltenden und informierenden Elementen harmonieren. Ein Experiment, das die Sendung This American Life seit zwanzig Jahren, Woche für Woche wagt. Trotzdem ist es Serial gelungen, in nur zwölf Folgen deutlich mehr in diesem Forschungsgebiet auszuloten.

Serial – Staffel 2

Die zweite Staffel hat sich mit der Geschichte von Bowe Bergdahl gleich mehrere Herausforderungen gesucht. Einerseits bearbeitet Serial damit dieses Mal ein aktuelleres, politischeres Thema. Andererseits ist der US-Einsatz in Afghanistan ein komplexerer Schauplatz als die High School in Baltimore. Damit ist Serial thematisch erwachsener, journalistisch relevanter geworden. Dass die Reporterin außerdem nicht direkt mit Bowe Bergdahl sprechen kann, sondern mit Fremd-Interviewmaterial arbeiten muss, ist eine weitere Hürde für die Nachfolgestaffel. Aber vielleicht auch Teil ihres Erfolgs.

„Out and out it zooms, the aperture of the thing getting wider and wider until the original image is so far away it‘s unseeable. That’s what the story of Bowe Bergdahl is like“

Somit löst sich Sarah Koenig häufiger und weiter von ihrem Protagonisten. Ob das eine bewusste redaktionelle Entscheidung oder den Umständen geschuldet ist, sei dahingestellt. Der Betrachtungsabstand scheint dieses Mal jedenfalls größer, die journalistische Distanz ist in der zweiten Staffel jederzeit zweifelsfrei gewahrt. Wie gewohnt entdeckt und staunt die Reporterin, stellt vermeintlich naive Fragen, wieder glaubt und zweifelt sie.

Aber die Person Sarah Koenig tritt dieses Mal beiseite. Einerseits macht sie keinen Hehl daraus, dass sie keine Militär- oder Geheimdienst-Spezialistin ist und somit in der Sache Bergdahl stark auf externe Expertise angewiesen ist. Andererseits scheint sich die Reporterin weniger Aufmerksamkeit und wieder mehr Anonymität zu wünschen. Ohnehin scheint sie völlig immun gegen jede Form der journalistischen Eitelkeit zu sein.

Wenn Staffel 1 der Teenager war, der seine Grenzen ausgelotet hat, dann ist Staffel 2 erwachsen geworden und verbiegt sich nicht, um zu gefallen: Das anspruchsvolle Thema, das nahezu unendliche Recherche ermöglicht und die weitaus sachlichere Aufbereitung – das alles scheint Sarah Koenig mehr zu liegen, als die Aufregung um ihre Person während der ersten Staffel.

Mit Mut zur Lücke

Dass Sarah Koenig nicht stur auf den Schienen der ersten Staffel weiterfahren will, zeigt sich nicht nur am grundverschiedenen Umgang mit dem Protagonisten. Denn nach nur fünf Wochen Laufzeit bricht die zweite Staffel auch mit einem Markenzeichen:

From This American Life and WBEZ Chicago, it’s Serial, one story told week by week.

Sarah Koenig braucht mehr Zeit. Neue Episoden erscheinen ab der fünften Episode nicht mehr wöchentlich, sondern alle zwei Wochen. Danach wurden die ersten skeptischen Stimmen laut. Serial riskiere damit, seinen Schwung zu verlieren. Die zweite Staffel habe bisher sowieso nicht an den Erfolg der ersten anknüpfen können (dazu später mehr). Den Rhythmus inmitten einer laufenden Serie zu ändern, ist ein gewagter Schritt. Aber für die zweite Staffel von Serial, für ihr Thema, für ihren journalistischen Anspruch war er genau richtig.

Statt sich selbst die Daumenschrauben der klassischen Radio-Sendeschemen und den Druck einer wöchentlichen Sendung aufzuerlegen, nutzt Serial die Flexibilität des Podcasts wirklich aus. So sind dann beispielsweise Episode 7 und 8 plötzlich doch als Doppelfolge an direkt aufeinanderfolgenden Tagen erschienen. Zeitgleich verschafft der längere Erscheinungszeitraum Koenig mehr Zeit, um tiefer am US-Einsatz in Afghanistan zu recherchieren, statt nur die Einzelgeschichte von Bowe Bergdahl zu erzählen. Skeptische Gesprächsparter doch noch zum Interview zu überzeugen. Die zweite Staffel tiefer und gründlicher in ihr Thema eintauchen zu lassen.

Den Rhythmus in einer laufenden Staffel zu ändern, war ein gewagter Schritt. Aber für die zweite Staffel von Serial, für ihr Thema, für ihren journalistischen Anspruch war er genau richtig

Don’t let anybody fuck it up. Don’t let anybody turn it into the smaller, flashier, simpler thing … If you care about the nuance of this, the emotion of this, give it to This American Life, or give it to us, or someone like us. But keep it close. It’s vulnerable, it’s very personal. You don’t want someone playing fast and loose with it.“

– Reporterin Sarah Koenig im Interview bei vulture.com

„That story I just told you — you know how long it took me to learn that? Took me nine months. It took me nine months of rolling in there all the time and talking to people before they laid that whole story out for me.“

– Command Sergeant Major Ken Wolfe in der Episode Present for Duty

„There was no intrigue built up simply because there is no mystery involved. There was no second guessing, new information, cliff hangers… He walked off the base, this is how people feel about it, this is what happened when he was captive, and should he be punished? That’s it. More of a documentary then a compelling mystery.“

– Kritik an der 2. Staffel von reddit-User j1a1mes 

„Sarah and I would joke about season two that they’re going to see that we really are public-radio producers. To me, the Bowe Bergdahl story felt more like an anatomy of the war. It’s a narrative way into looking back at things that a lot of people had only thought about in a news kind of way.“

– Producerin Julie Snyder im Interview bei vulture.com

Serial bleibt das Vorbild für journalistische Podcasts

In meinen Ohren ist es Serial gelungen, deutlich mehr Tiefe in die zweite Staffel zu bringen. Das geschieht klar auf Kosten der quirligen Unterhaltsamkeit des Vorgängers. Die persönliche Geschichte von Bowe Bergdahl dient eher als Orientierung und Struktur für eine sachliche Recherche in den Afghanistan-Einsatz, ist nicht Selbstzweck wie bei Adnan Syed in Staffel 1. Dort verschwand das große Ganze – die Schwächen des US-Justizsystems – noch hinter der Frage „Hat er’s getan?“.

Mehr als nur eine neue Episode liefern und verschwinden

Obendrein hat die zweite Staffel einen grandios stimmigen Soundtrack von Nick Thorburn bekommen. Während sich mir bei Radio-Features des öffentlich-rechlichen Rundfunks und deren Musik-Wahl gerne mal die Zehennägel aufstellen, glänzt Serial mit einem subtilen aber sehr stimmigen Soundtrack. Natürlich kann nicht jeder x-beliebige Podcast einen talentierten Musiker engagieren. Aber die Liebe zum Detail, das Gespür für den Musik-Einsatz überzeugt. Anders als beim vergleichbar aufwendig produzierten Radiolab von WNYC steht das Sound-Design bei Serial mehr im Hintergrund – was sehr gut zur nüchternen Präsentation von Sarah Koenig passt.

50.000.000

Downloads zählt die zweite Staffel von Serial bereits einen Tag vor dem Staffelfinale.

„Our numbers are even stronger for season 2 than season 1, which I think surprises a lot of people, because we’re not having 5 million think pieces written about us every week (laughs), which we started feeling a little bit of the experience of season 1. „

– Producerin Julie Snyder im Interview bei ew.com

Daneben hat Serial es verstanden, den eigentlichen Podcast in mehr Material einzubetten. Natürlich besteht da ein eigennütziges Marketing-Interesse, aber das meiste ist für das Interesse der Konsumenten gedacht. Das fängt beim eigenen Twitter-Account, Twitter-Listening-Parties und dem Tumblr-Blog für Fragen an. Das geht bei den liebevoll animierten Illustrationen von Carl Burton für sämtliche Social-Media-Kanäle weiter. Setzt sich bei den Zeitabläufen, Zusatzinformationen, Bildern, Hintergründen und Karten auf der Website fort. Die Macher haben verstanden, dass es eben nicht reicht, pünktlich eine neue Episode in den Podcast-Feed zu werfen – und dann wieder für den Rest der Zeit unsichtbar zu werden. Jedenfalls nicht, wenn man ein treues Publikum gewinnen möchte.

Die Serial-Macher haben verstanden, dass es eben nicht reicht, pünktlich eine neue Episode in den Podcast-Feed zu werfen – und dann wieder für den Rest der Zeit unsichtbar zu werden.

Keine Easy-Listening-Übung

Außerdem ist Serial – trotz festem Skript bis auf die letzte Silbe – so authentisch wie kaum ein anderer Podcast. Wir hören die Originalaufnahmen, auf denen Bowe Bergdahl mit blechern-verzerrter Stimme aus dem Telefonlautsprecher zu hören ist – während Mark Boal auf der anderen Seite der Leitung nebenbei Cornflakes isst oder auf seinem Laptop tippt. Das ist nicht immer einfach, aber eben authentisch.

Natürlich darf man die Ohren der Hörer nicht bewusst überstrapazieren. Aber ich glaube, Staffel 2 ist eben schon thematisch keine Easy-Listening-Übung fürs Bügeln und Kochen wie Staffel 1. Klar, die Telefonaufnahmen hätte man nachsprechen lassen oder Sarah Koenig paraphrasieren lassen können. Aber so kann sich der Hörer eben auch in die Lage versetzen, wie es ist mit Bowe Bergdahl zu telefonieren. Seine exakte Wortwahl, seine Denkpausen, seine Motive zu hören. Allein dafür lohnt es sich, mit suboptimaler Audio-Qualität zu arbeiten.

Auch das stört mich an den deutschen Serial-Versuchen. Nicht nur dort wird gerne auf Hochglanz poliert, bis nichts mehr vom eigentlichen Original-Material übrig ist. Für mich gibt es – zumindest bei journalistischen Formaten – nichts Schlimmeres, als von „profesionellen Hörbuch-Vorlesern“ nachgesprochene Zitate. Für mich geht da eine Ebene verloren, die tolle Stimmen und perfekt betonte Texte nicht wettmachen können. Authentizität geht über Schönheit. Auch damit wirkt Serial lockerer, glaubwürdiger, sympathischer in Material und Sprechertext als die meisten deutschen Produktionen.

Staffel 3, bitte

Serial hat sich mit der zweiten Staffel selbst übertroffen. Journalistisch. Aber auch an den Zahlen gemessen. Schon kurz nach Staffelfinale zählt sie 50 Millionen Downloads, damit könnte sie Staffel 1 auf dem Papier als weltweit meistgeladener Podcast sogar noch übertreffen. Denn die hatte ihren durchschlagenden Erfolg erst nach dem Staffelfinale.

„I just found out Friday we have 50 million downloads on season 2, which puts us miles ahead of when we were at the end of season 1.“

– Producerin Julie Snyder am 30.03.2016 im Interview bei ew.com

Obwohl der große Medien-Hype dieses Mal ausgeblieben ist, sind beide Staffeln mindestens ebenbürtig. Die erste Staffel hatte ihren Schwerpunkt bei den unterhaltenden Elementen, die zweite bei den informierenden. Zusammengefasst:

  • Staffel 2 hat dem Hype widerstanden.
  • Ist erwachsen geworden.
  • Mut zur Lücke bewiesen.
  • Maßstäbe gesetzt.

Eigentlich kann die dritte Staffel dann nur die perfekte Mischung aus beidem werden. Und Serial nur weiter Maßstäbe für journalistische Podcasts setzen.

Das Original und die Kopien

Warum es in Deutschland nichts in der Liga von Serial gibt

Die Serial-Macher wollten sich nicht wiederholen. Das Kopieren haben dafür andere übernommen. Dabei gibt es gleich mehrere Probleme.

Einerseits wird eine Format-Idee durch das Copy-Paste-Verfahren keineswegs origineller. Andererseits wurde meistens nur oberflächlich kopiert. So sind in Deutschland dann eine Menge Serial-Kopien aus dem Boden geschossen, die natürlich auch ausgerechnet Mordfälle aufrollen mussten und auf den True-Crime-Hype aufspringen wollten.

Grafik: Carl Burton, Serial

Wenn ich so ausführlich (und zugegeben schwärmerisch) über die Stärken von Serial schreibe, ärgere ich mich zeitgleich. Ich ärgere mich schon seitdem ich This American Life kenne:

Warum gibt es in Deutschland nichts Vergleichbares?

Auch wenn ich mir die anderen erfolgreichen Podcasts der US-Radiostationen anhöre, frage ich mich das immer wieder. Ich möchte gar nicht die Arbeit von einzelnen Kollegen kritisieren, die sich an deutschen Serial-Kopien versucht haben. Aber mich ärgert, wie wenig Mut die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland für das Format Podcast aufbringen. Man spielt dort auf Nummer sicher, überträgt eine sehr erfolgreiche Idee aus den USA schlicht nach Deutschland. Aber warum?

¯_(ツ)_/¯

Das Finanzielle

Finanzielle Gründe lasse ich nicht gelten. Die öffentlichen Radiostationen in den USA schwimmen nicht gerade in Geld. Sie sind zum Teil sogar auf die freiwilligen Beiträge ihrer Hörer angewiesen, da ist der Rundfunkbeitrag schon eine tolle Sache. Das Gesamtbudget von WBEZ Chicago, wo Serial und This American Life produziert werden, lag 2014 bei 25 Millionen US-Dollar bei wöchentlich 500.000 Hörern. Zum Vergleich: Der WDR gab für seine Hörfunkprogramme im Jahr 2014 einen „Direkten Programmaufwand Hörfunk“ von 85 Millionen Euro, also 97 Millionen US-Dollar an – beinahe das Vierfache. Dabei erreicht allein der Nachrichten- und Infosender WDR 2 („Journalistisch kompetent für die Zielgruppe 25–59“) durchschnittlich über eine Million Hörer zu jeder Sendezeit.

Während international nahezu alle großen Medien auf Podcasts setzen, produziert man in Deutschland ein 100-stündiges Hörbuch

Die fehlende Plattform

Damit wäre WDR 2 nur ein Sender, von dem ich eine deutsche Entsprechung von This American Life erwarten würde. (Sachdienliche Hinweise auf ein schon existierendes deutsches TAL nehme ich gerne an!) Denn so eine journalistische Experimentierplattform fehlt in Deutschland, leider. Auf der Autoren, Comedians, Essayisten, Journalisten, Laien, Schauspieler etwas ausprobieren können und sollen. Nicht ohne Grund hieß TAL früher: Your Radio Playhouse. Wenn wir schon eine Kopie eines US-Formats brauchen, dann ist es das deutsche TAL.

Noch ein Beispiel: Während international nahezu alle großen Medien auf Podcasts setzen – selbst wenn es Print-Medien wie New York Times sind – produziert eine Kooperation von WDR, Deutschlandfunk und BR 2 lieber ein 100-stündiges Hörbuch zu einem 1.500-Seiten-Roman.

What?!

Die Süddeutsche Zeitung schreibt dazu:

Man kann das auch als durchaus radikales Experiment des WDR verstehen, mit dem der Sender herausfinden will, wie weit der Hörfunk sich vom klassischen Radio lösen kann.

Ernsthaft?! Wie weit der Hörfunk sich vom klassischen Radio lösen kann? Damit?! (Und ja, ich bin ein elender Kunstbanause.) Während selbst Printmedien den Podcast entdecken, experimentieren die deutschen Redaktionen mit der Hörfunk-Kompetenz lieber ausgerechnet mit einem Hörbuch?

Die fehlende Vision

Vielleicht ist der Mut, der Sendeplatz, die Spielwiese, vielleicht fehlt hierzulande einfach jemand wie Ira Glass. Denn wohlgemerkt, seine Sendung This American Life ist zuerst als Radioprogramm erfolgreich geworden, bevor später der Podcast die iTunes-Charts dominierte. Der Erfolg von Serial und vielen anderen US-Erzählformaten basiert auf der jahrelangen Vorarbeit von Glass bei TAL: Der Plauderton, der erzählerische Anspruch von fiktionalen TV-Serien kombiniert mit dem journalistischen Anspruch, die kleinen Geschichten mit dem großen Bild zu verbinden. Der hohe Produktionsaufwand mit viel Schnittarbeit, die zeitgleich perfekte Authentizität und authentische Perfektion schaffen.

Solange es keine deutsche Entsprechung von This American Life gibt, solange es in deutschen Audio-Medien keine Experimentier-Plattform für jemanden wie Ira Glass gibt, solange wird es kaum innovative deutsche Podcasts geben.

Foto: ricky montalvo, flickr.com, CC-BY-ND 2.0