„Laberpodcast my ass“

Eindruck einer Szene

Ja, ich finde, die Laberpodcast-Debatte aus dem letzten Jahr ist aktuell. Noch immer, wieder, jedenfalls: leider. Wer jetzt seufzt, findet am Ende ein TL;DR. Warum ich mich berufen fühle, die alte Debatte wieder aufzuwärmen? Weil der Graben zwischen den Etiketten „Laberpodcast“ und „Qualitätspodcast“ noch immer da ist. Weil er seit dem Start von kommerziellen Podcast-Labels scheinbar tiefer geworden ist. Weil mich dieses reflexhafte Dagegensein, das Dagegentrommeln, der Zynismus aus Teilen der Szene nervt. Sogar als Außenstehender. Ein absolut subjektiver Eindruck.

Titelbild: kev-shine, flickr.com, CC BY 2.0

„Laberpodcast my ass“-Aufkleber gibt’s nicht

Diese passiv-aggressive Haltung, die gerne mit „Serial my Ass“-Aufklebern auf dem Laptop unterstrichen wird, geht mir auf die Nerven. Diese Haltung kommt meistens aus der Ecke Laberpodcast, größtenteils von Freizeit-Podcastern. Mir kommt diese Ablehnung einseitig und größtenteils unsportlich vor. Warum? Ich habe über den Start des Podcast-Labels Viertausendhertz berichtet. Seitdem verfolge ich das Label und die Reaktionen darauf. Auch in meinem Interview für Basicthinking hat Mitgründer Nicolas Semak betont, dass die deutsche Szene kein Qualitätsproblem habe – aber Vielfalt nötig habe.

Er hat auch hervorgehoben, dass er selber aus der Ecke Laberpodcast kommt. Das klang Anfang des Jahres wie ein Versuch, dem milden Shitstorm um die erste Viertausendhertz-Pressemitteilung ein bisschen den Wind zu nehmen. Das klang und klingt für mich auch wie eine versöhnliche Botschaft (zwischen den Zeilen) an die Laberpodcast-Ecke: „Hey, das hier ist kein Angriff auf euch. Wirklich nicht! Die Pressemitteilung ging nicht an euch raus, sondern an potenzielle Kunden.“ Dass die ‚Kommerzpodcaster‘ selber mal ‚Laberpodcasts‘ produziert haben und jetzt mit Podcasting vielleicht sogar ihre Miete bezahlen wollen, das beschwichtigt die Reaktionen trotzdem kaum. Geduldet und akzeptiert ist in der Szene irgendwie nur, per Flattr freiwillige Mini-Spenden zu sammeln.

Der Graben zwischen Hobby und Fulltime-Job

Dabei könnte man eigentlich koexistieren: Sollen doch die Laberpodcaster weiter für lau oder gegen Spenden laberpodcasten; sollen die Kommerzpodcaster weiter versuchen, Geld zu verdienen und gegen Sponsorengeld kommerzpodcasten. Keiner nimmt irgendjemandem etwas weg. Oder: „Es ist genug Kuchen für alle da“, wie Marcus Engert von detektor.fm* es im Vortrag auf der Subscribe-Konferenz formuliert hat. So ein Teilen, so eine Koexistenz könnte für Formatvielfalt und Vorteile auf beiden Seiten sorgen.

* Offenlegung: Ich arbeite frei für detektor.fm. Ich betreue dort seit September 2015 eine präsentierte Serie. Das heißt, vor und nach den wöchentlichen Beiträgen und Interviews gibt es eine Erwähnung des Serien-Sponsors. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sei hier trotzdem erwähnt: Wie überall bei detektor.fm sind Redaktion und Marketing getrennt. Es gibt keinerlei Einflussnahme des Sponsors auf die Inhalte. Auch erwähnt sei: Bisher haben die jeweils gut zehnsekündigen Sponsoren-Hinweise am Anfang und am Ende keine Opfer unter den detektor.fm-Hörern gefordert. 

Zumindest einige laute Stimmen aus der Hobbyszene scheinen an Koexistenz wenig Interesse zu haben, bestimmen damit aber die Außenwahrnehmung der Szene. Leider. Der Graben wird sehr einseitig ausgehoben, so mein Eindruck. Jedenfalls habe ich noch keinen „Laberpodcast my ass“-Aufkleber gesehen. Ein Jahr nach den letzten großen Wellen der Laberpodcast-Debatte erscheinen mir als Außenstehenden die Gräben deswegen tiefer.

Ein ausführliches Beispiel: Auf der Subscribe-Konferenz #sub7 stellen sich die Podcast-Labels Viertausendhertz (mit Nicolas Semak & Hendrik Efert) und Die Castronauten (Timo Leßmöllmann) sowie das Online-Radio detektor.fm* (Marcus Engert) nacheinander vor. Alle drei bieten Sponsoring/Werbung im Kontext von Podcasts an. Ich finde es stark von den Organisatoren, damit bewusst die Freizeit- und die Berufspodcaster zusammenzubringen.

Nicolas Semak ist – seit seiner vielzitierten Wired-Kolumne von 2015 samt dazugehörigen Shitstorm – eine Art rotes Tuch für glühende Laberpodcast-Verfechter. Obendrauf hat er mit dem Podcastlabel Viertausendhertz einen Versuch gestartet, eine kommerzielle Plattform für deutsche Podcasts zu schaffen. In der ebenfalls vielzitierten Pressemitteilung von Viertausendhertz stand das Wort „Qualitätspodcast“, was Semak Anfang 2016 gleich den nächsten Shitstorm einbrachte.

Als Semak auf der #sub7 während der Diskussionsrunde das Wort „Pressemitteilung“ in den Mund nimmt, wird es kurz laut um ihn herum. Wie nach der Veröffentlichung der Pressemitteilung. Wie nach der Wired-Kolumne. Das war sogar im Livestream zum Fern-Fremdschämen. Dann wird auch nochmal über die Reaktionen der Sendegate-Community zu Viertausendhertz gesprochen.

In der Diskussionsrunde auf der #sub7 wird verneint, dass solche Reaktionen wie auf Viertausendhertz einen negative Außenwirkung für die deutsche Szene haben. Dass niemand „so tief in’s Sendegate reinlesen würde“. Mag sein. Ich behaupte als Außenstehender, diese Stimmung ist sehr wohl auch außerhalb der Szene wahrnehmbar. Und wage dazu die These: Das bemerken dann eben auch Marketing-Verantwortliche, die gerade ein Podcast-Budget zu verteilen haben. Man kann jetzt entgegnen: Das sind alles doch bloß Anekdoten und Annahmen. Mag sein. Vielleicht treffen diese Befürchtungen nicht zu, der Hobbyszene kann das jedenfalls egal sein.

Aber für den Fall, dass die Anekdoten und Annahmen doch zutreffen, kann das für die kommerziellen Podcaster und ihre Geschäftsmodelle entscheidend sein, entscheidend von Nachteil. Was ich mit dem Ausflug auf die Subscribe-Konferenz sagen will: Mir fällt diese Szene größtenteils durch das reflexhafte Dagegensein, das Dagegentrommeln und Eingeschnapptsein, die zynischen Kommentare auf. Was das betrifft, ist sie sich seit der Wired-Kolumne wunderbar treu geblieben: Herzlichen Glückwunsch!

¯_(ツ)_/¯

Selektive Angst vor Kommerz

Mein Eindruck ist, dass diese Debatte mit dieser Vehemenz von besonders einer Gruppe von Podcastern geführt wird: Darunter diejenigen, die in ihren Twitter-Biografien ein Studium, einen Job oder ihren Arbeitgeber stehen haben. Jene Podcaster also, die hauptberuflich anderswo für die finanzielle Sicherheit sorgen, um sorglos Freizeit-Podcasten zu können. Aber wenn jemand mit dem Podcasting selbst eben diese finanzielle Sicherheit erreichen will, dann kommt immer wieder das Totschlagargument der Kommerzialisierung.

Das Kommerz-und-Plattform-Argument

Ohnehin nervt die Beschwerde über „Kommerzialisierung und Plattformisierung“. Natürlich ist die Macht der Plattformen in allen Bereichen des Internets mittlerweile bedenklich. Aber unter den deutschen Podcastern werden schlecht kommunizierte Wartungsarbeiten am RSS-Feed von SoundCloud direkt zum Vorzeichen der drohenden Plattform-Apokalypse interpretiert. Daneben hebt man immer wieder hervor, wie blöd das Geldverdienen mit Werbung und Native Advertising sind.

Im selben Atemzug wird aber erwähnt, was für tolle Modelle doch die freiwilligen Spenden bei Flattr und Patreon sind. (Flattr ist auch eine kommerzieller Plattform, die ganze zehn Prozent der Spenden als Gebühr erhebt; Patreon behält fünf Prozent. Und Flattr kooperiert seit 2012 mit der kommerziellen Plattform SoundCloud.) Die Ängste vor Kommerzialisierung und Plattformisierung des Podcasts kommen mir da schon arg selektiv vor.

Ja, Werbung ist jetzt nicht das Allertollste der Welt. Ich möchte auch nicht ganzen Tag ausschließlich die Spots von Audible, Stamps.com, Squarespace und MeUndies hören. Aber: Selbst beim US-Vorreiter Gimlet Media reicht das freiwillige Abo-Modell eben nicht aus, um die Inhalte zu finanzieren. Sonst hätten sich die Gimlet-Leute den ganzen Aufwand mit Native Advertising – inklusive dem bereits erlebten, dazugehörigen Mini-Shitstorm – wahrscheinlich gerne erspart. Werbung ist kein ideales Modell für alles und jeden. Aber eben ein Modell, das für die kommerziellen Anbieter eben jetzt/zeitnah funktioniert.

Das Problem mit der Podcast-Finanzierung ist, dass sie noch in den Kinderschuhen steckt. Die nötigen Innovationen und das Wachstum der Branche kommen nicht von allein, sondern brauchen Zeit und Mühe. Bis zu einem bestimmten Ausmaß kann eine Hobbyszene so eine Entwicklung stemmen und leisten. Aber die ganz große Schritte kommen nunmal meistens mit der Professionalisierung, aus dem hauptberuflichen Segment. Die kommen auch im Hobby-Bereich an, er profitiert von eben diesen Schritten. Am konkreten Beispiel Podcasts: Ob man Serial mag oder nicht, die globale Aufmerksamkeit für Podcasts war einzigartig und hat einen Großteil der aktuellen Entwicklungen in den USA wie hierzulande angestoßen. Nur: Wenn jemand etwas hauptberuflich macht, darf/muss irgendwo die Knete für Miete und Brot herkommen.

Trotzdem wird aus Teilen der Hobbyszene heraus geklagt, wie die Plattformisierung des Internets auch das so freie, offene, zugängliche Medium Podcast bedroht. Zeitgleich beschweren sich die selben Leute darüber, dass der Podcast in den Mainstream und die Medien kommt, zugänglicher, weniger technisch geprägt wird. Für euch Hobby-Podcaster/Internet-Kenner/native 1337-Speaker in Personalunion mögen RSS-Feeds und Podcatcher eine lächerlich einfache, nicht weiter erklärungswürdige Angelegenheit sein. Weil ihr technisch versiert seid. Weil ihr eine internetaffine Zielgruppe seid. Weil ihr eine Filterbubble seid. Das ist jetzt nicht weiter wild, so geht’s den Twitter-Nutzern ja auch. Aber seiner Filterbubble sollte man sich bewusst sein und gelegentlich sollte man sie auch mal verlassen. Denn draußen sieht’s beim Podcasts-Verständnis in Deutschland unbequem anders aus.

Was außerhalb der Podcast-Bubble passiert

Wäre die Szene nicht so sehr auf sich selbst konzentriert, wüsste man dort, in welcher Nische man eigentlich steckt. Gar nicht thematisch, sondern allein schon der technischen Hürden wegen. Wer jetzt reflexhaft etwas in dieser Art erwidert:

„Aber ich will doch keine Masse erreichen, sondern nur für meine 140 Zuhörer podcasten, die mir jetzt schon jede Woche und gerne zuhören…“

Fragt mal die Print-Journalisten und Print-Zeitungen, wie toll die Aussagen „Ich schreibe aber für mein Publikum“ und „Das haben wir früher schon so gemacht“ für ihr Medium und die Innovationen dort funktioniert haben.

Außerhalb der Medien-Filterbubble muss ich noch immer Leuten aller Altersklassen erklären, was ein Podcast ist. Dass es auf dem iPhone sogar eine App dafür gibt, die gar nicht deinstalliert sein kann.

Die musst du haben. Das ist so ein lilafarbenes Symbol, das muss irgendwo sein. Ja, genau das. Ja, das ist kostenlos. Ja, das ist am Anfang ein bisschen kompliziert und unübersichtlich. Nein, so ein Podcast-Abo ist wirklich kostenlos.

Von außerhalb der Podcast-Filterblase betrachtet, ist deren Außenhaut aus technischen Begriffen und Hürden noch viel zu undurchbringbar. Ich sehe nicht, wie diese Hürden aus der Hobbyszene heraus demnächst abgebaut werden. Wirklich nicht. Denn der gefällt’s teilweise hinter diesem Burggraben ganz gut, habe ich den Eindruck.

Viel eher sehe ich kommen, dass ein kommerzieller Anbieter, eine Plattform diese Hürden abbaut. Beispielsweise, wenn Netflix eine übersichtliche, leichtverständliche Audio-Sektion eröffnen und damit die technischen Gräben ein Stück weit schließen würde. Dann strömt schlagartig ein Riesenpublikum in die Podcasts. Ja, ich glaube dieses Publikum gibt es schon jetzt, nur kommt ein Großteil davon aktuell eben nicht über den technischen Graben.

Vom Publikum für kommerzielle Angebote können auch Hobby-Podcaster profitieren. Nach dem Muster: Wer die True-Crime-Doku ‚Making a murder‘ mag, bekommt den kommerziellen True-Crime-Podcast ‚Serial‘ empfohlen. Wer ‚Serial‘ mag, bekommt den Hobby-Podcast mit Diskussionen zu ‚Serial‘ empfohlen. Angesichts von Binge-Watching und dem gesellschaftlichen Kult um die obsessive Beschäftigung mit Serien/Themen halte ich solche Ketten für nicht unwahrscheinlich.

Aber zurück zu den Burggräben um die Podcast-Landschaft. Wenn kommerzielle Anbieter heute den Spaten in die Hand nehmen und anfangen, die Gräben zum Podcast an ausgewählten Stellen aufzuschütten, dann wird in der Laberpodcast-Hochburg lieber die Zugbrücke hochgezogen.

TL;DR

Liebe Laberpodcaster, ihr könnt weiter lange Gesprächsformate ohne Werbung produzieren. Aber lasst die kommerziellen Podcaster versuchen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und vielleicht einen Markt zu öffnen. Zeit wird’s jedenfalls. Profitieren könnten davon alle.

4 Kommentare
  1. Christian Hoff sagte:

    Stimme dem Beitrag zur Diskussion in fast allen Bereichen zu, allerdings frage mich aber immer wieder, warum man nicht das Kind beim Namen nennen kann und zwischen kommerziellen und nicht kommerziellen Podcasts unterscheidet. Und kommerziell ist an dieser Stelle völlig wertfrei gemeint. Was ist daran falsch, mit seinem Produkt Gewinn erzielen zu wollen und ich wüsste wirklich mal gerne, wer von den „Laberpodcastern / Betreibern eines nichtkommerziellen Podcast“ nein sagen würde, wenn Spotify vor der Tür stünde und ihm verspräche, es gäbe für Ihn garantiert das gleiche Gehalt wie bisher und das bis zu Rente und alles was er dafür tun müsse wäre Podcasts wie bisher zu produzieren.

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  1. […] Inspiriert von vielen Podcast-Premieren und Unternehmensgründungen, zahlreichen Audio-Neuigkeiten, einigen meiner Blog-Einträge und ihrer Resonanz – und nicht zu vergessen, inspiriert durch den fantastischen Podcast-Newsletter „Hot […]

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