„Journalisten machen sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten.“

Es sind geflügelte Worte im deutschen Journalismus. Immer dann, wenn Journalisten in Redaktionen über Neutralität/Objektivität/Haltung/Parteinahme diskutieren, ist nahezu sicher: Dieser Satz wird irgendwann fallen – entweder als lauter, protestierender Einwurf oder als leise resignierendes Gemurmel.

Ich habe den Eindruck, dieses Zitat erfreut sich dazu seit geraumer Zeit auch außerhalb der Redaktionen einer neuen Beliebtheit: als Floskel der vermeintlichen Medienkritik, gern genutzt auf Twitter. Als Pauschalkritik in 77 Zeichen.

Bevor ich zum aktuellen Einsatz des Zitats komme, noch ein kurzer Ausflug zum Ursprung. Aus meinem ersten Semester Journalistik und der damals langen Diskussion über diesen Satz weiß ich noch: Er stammt vom verstorbenen Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs.

Anders gesagt, anders gemeint, anderer Urheber

Das Zitat lauert in Journalismus-Lehrbüchern natürlich geradezu darauf, erst in Signalfarben angestrichen und dann im Gedächtnis gut auffindbar abgespeichert zu werden. Nur wurde der Satz ursprünglich eben nicht so Lehrbuch- und Twitter-reif formuliert, wie er heute meistens auftaucht.

„Friedrichs: […] Das hab‘ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. […]“

Als Friedrichs diese Formulierung im Interview mit dem Spiegel  kurz vor seinem Tod nutzte (Der Spiegel 13/1995), antwortete er damit auf diese Frage:

„SPIEGEL: Hat es Sie gestört, dass man als Nachrichtenmoderator ständig den Tod präsentieren muss?“

Friedrichs beschrieb damals also keine allgemeingültige Leitlinie für den gesamten Journalismus. Sondern eine Leitlinie für die spezifische Rolle von Journalisten in den Nachrichten. Das zeigt auch seine Antwort auf die übernächsten Interviewfrage vom Spiegel:

„Es ist nicht die Aufgabe des Moderators, die Leute zur Betroffenheit zu animieren. Die sollen selber entscheiden, ob sie betroffen sein wollen oder nicht.“

Ein Rollenverständnis, das Friedrichs wohl während seiner Zeit bei der BBC übernommen hat. Die Formulierungen „Nicht gemein machen“ und „auch keiner guten Sache“ sind wahrscheinlich nicht seine. Er schreibt sie im Buch „Journalistenleben“ seinem Mentor Charles Wheeler zu.

In der heutigen Lehrbuch-Version der Aussage steckt also bereits ein Stille-Post-Einfluss. Das ständige Zitieren eine zitierten Zitats in immer neuen Kontexten hat dazu geführt, dass der alte Kontext verloren gegangen ist. Und dass sich Friedrichs selber mit dem Umweltschutz gemein gemacht hat.

Journalistisches Selbstverständnis in Zeiten von Populismus

Es sind nicht nur die deutschen Medien, die sich diese Frage stellen und gestellt bekommen, in Zeiten von wachsendem Populismus und keimenden Faschismus: Wie neutral dürfen/sollen JournalistInnen bei Grundrechten sein? In den US-amerikanischen Medien wird eine nicht ganz unähnliche Diskussion geführt, um den „view from nowhere“, den der Journalistik-Professor Jay Rosen seit über einem Jahrzehnt zurecht (und lesenswert) kritisiert.

Bei Grundrechten wie der Meinungsfreiheit gibt es gar keine Neutralität für Journalisten. Sie sind notwendige Grundlage unserer Arbeit. Wenn die Medien und einzelne Kollegen angegriffen werden, dürfen wir nicht sagen „Journalisten machen sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten“ und einfach schweigen.

Wenn der Journalist Deniz Yücel in türkischer Untersuchungshaft sitzt, können wir uns nicht in die vermeintliche Neutralität zurückziehen und eine schweigende „Sicht von nirgendwo“ einnehmen – weswegen ich die Kritik der FAZ an der #freedeniz-Aktion absolut unterirdisch finde, wenn der Autor beispielsweise schreibt:

„Journalisten reagieren auf staatliche Willkür, Lüge und die Unterdrückung von Freiheit mit journalistischen Mitteln. So, wie es diese Zeitung jeden Tag tut. Dazu gehörte auch der Nachdruck eines Essays von Yücel über den Aufstieg Erdogans. Journalisten sind Schreiber, nicht Unterschreiber.“

Das klingt für mich verdammt nach einer arroganten Version vom Friedrichs-Zitat. Im FAZ-Text heißt es über die Aktion, sie würde „das Selbstverständliche bekräftigen, Angriffe auf die Meinungs- und Pressefreiheit für unerträglich zu halten“.

Ich halte das Gegenteil für richtig: Angriffe auf die Meinungs- und Pressefreiheit müssen als unerträglich benannt werden, auch von den Medien selbst. Ganz abgesehen davon, dass man mit journalistischen Mitteln reagieren UND unterschreiben kann.

In Zeiten, in denen bestimmte Gruppen gar kein Interesse am Dialog geschweige denn Zuhören hat, in denen bestimmte Gruppen den anderen gar kein Recht auf Meinungsäußerung einräumen, egal ob auf analogem oder digitalem Wege  – in solchen Zeiten können wir in den Medien nicht schweigend den Grundrechten bei der Erosion zuschauen.

Nachtrag: Zur Realität des Videos gehört auch diese Ergänzung von Sascha Lobo selbst.

Wir in den Medien können nicht schweigend den Grundrechten bei der Erosion zuschauen.

Der aktuelle Einsatz vom Friedrichs-Zitat

Deswegen habe ich auch ein Problem mit dem aktuellen Einsatz des Friedrichs-Zitats. Laut denjenigen, die sich auf das Zitat als fundamentale Medienkritik berufen, haben Menschen in den Medien keine Position, keine Meinung zu gar nichts. Als ob sie keine Menschen wären. Niemand kann absolut unparteiisch sein.

Aber darum geht es diesen Kritikern gar nicht. Ihnen geht es unter dem Vorwurf des Nicht-gemein-Machens darum, dass JournalistInnen auch extreme Positionen als gleichwertig darstellen – eine falsche Vorstellung von journalistischer Neutralität. Es ist die „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Vorstellung von Meinungsfreiheit, die auch bitteschön Falsches und Menschenverachtendes zu tolerieren habe. Mit dem klaren Ziel, das Overton-Fenster für ihre Zwecke zu verschieben, um Radikales zu normalisieren.

Gleichwertige Darstellung erhebt Behauptungen auf das Niveau von Beweisen

Aber ich habe auch ein Problem damit, wenn KollegInnen das Friedrichs-Zitat benutzen, um Neutralität einzufordern: Bloß die Aussagen zu Extrempositionen eines Themas wertungsfrei wiederzugeben, ist noch kein Journalismus. X sagt das Eine, Y sagt das Gegenteil – das ist auch kein Nachrichtenjournalismus. „He said, she said“-Journalismus liefert keine Einordnung, im Gegenteil: Durch die gleichwertige Darstellung erhebt man Behauptungen auf das Niveau von Beweisen. Ein Beispiel.

X: Eine Mehrheit in der Wissenschaft hat Beweise für den durch Menschen verursachten Klimawandel.
Y: Eine Minderheit in der Wissenschaft sagt, den durch Menschen verursachten Klimawandel gibt es nicht, ohne Beweise dafür vorzulegen.

Aus dieser Lage kann nicht die Überschrift werden: „Wissenschaft uneins über Klimawandel“ oder „Wissenschaftler Gruppe A sagt, Gruppe B sagt aber“. Das Friedrichs-Zitat hilft hier kein Stück weiter. Erst recht nicht, wenn diese Überschrift eine deutlich größere Reichweite hat, als der dazugehörige, vielleicht sehr ausgewogene Artikel dazu.

Deswegen glaube ich, können auch berichtende JournalistInnen problemlos für Grundrechte demonstrieren gehen, Aktivisten für Prinzipien sein. Da sind wir keiner falschen Neutralität verpflichtet, die so tut, als ob Journalisten keine professionelle wie private Rolle in der Gesellschaft hätten. Natürlich gibt es dabei auch Grenzen, die aber Einzelfall-Abwägungen sein können.

Ich finde, JournalistInnen können nicht an Demonstrationen gegen eine Partei teilnehmen, über die sie schwerpunktmäßig berichten. Aber wenn ein Reporter für einen privaten Blogpost über sein Verständnis von Neutralität als Reporter mit Transgender-Background gefeuert wird, bloß weil seine Redaktion das nicht neutral genug findet, ist das falsch.

Wie oben geschrieben: Auch Menschen, die in den Medien arbeiten, bleiben Menschen mit eigenen Lebensrealitäten, die sich nicht ausblenden lassen. Zeitgleich: Wenn der Journalist-Schrägstrich-Privatsphäre-Aktivist Glenn Greenwald in manchen Artikeln mit Wut-Geifer vor dem Mund schreibt, verschiebt sich für meinen Geschmack das Gleichgewicht aber zu sehr Richtung Aktivismus – das nützt auch seiner guten Sache oftmals nicht.

Und jetzt?

Mein persönlicher Eindruck ist: Die US-amerikanischen Kollegen sind teilweise weiter, was den Umgang mit „Sich mit keiner Sache gemein machen“ und „view from nowhere“ angeht. Hierzulande führt der Ansatz immer noch viel zu häufig dazu, dass wir nahezu unkommentiert zwei Seiten als gleichberechtigt nebeneinander stellen, die niemals gleichberechtigt sein dürfen – aus einer vielleicht gut gemeinten Intention heraus.

Aber absolut realitätsferne, haltlose Behauptungen als solche können wir gar nicht als Nachricht behandeln. Auch nicht, wenn wir direkt danach jemanden mit viel Glaubwürdigkeit das Gegenteil „sagen lassen“. Es gibt andere journalistische Darstellungformen als die Nachricht, in denen Medien mit Behauptungen umgehen können. Wenn überhaupt, können wir solche Behauptungen dann nur im Kontext als Nachricht behandeln: Das heißt, Falschaussagen direkt als solche einzuleiten, sie direkt danach so zu nennen. Die New York Times macht das bei Überschriften und Meldungen meiner Meinung nach sehr gut:

Das heißt noch lange nicht – und in diesem Aspekt widerspreche ich Martin Hoffmanns Text zum Friedrichs-Zitat von vor fünf Jahren – das die Grenzen zwischen Nachrichten und Kommentar verschwimmen können. So gelingt es auch der New York Times in diesem Beispiel, zu berichten ohne zu kommentieren, zeitgleich aber den (recherchierten, nicht: meinungsbasierten) Kontext zu geben.

(P.S. Die Mode-Wörter und Label „Fake News“, „alternative Fakten“ sind NICHT der richtige Umgang damit, aber das ist ein anderer Blogpost.)

Aber absolut realitätsferne, haltlose Behauptungen als solche können wir als Journalisten gar nicht als Nachricht behandeln. Auch nicht, wenn wir direkt danach jemanden mit viel Glaubwürdigkeit das Gegenteil „sagen lassen“.

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