Ein Danke an detektor.fm

Das Jahr 2016 geht zu Ende und mit dem Jahreswechsel steht für mich ein toller, neuer Abschnitt an: Ich werde mein Volontariat beim Deutschlandradio beginnen. Vorher will ich zurückblicken, aber nicht nur weil es die Zeit der Jahresrückblicke ist. Ich will und muss auch „Danke“ sagen – an ein Team, das ich mit einem lachendem und einem weinenden Auge verlassen werde: detektor.fm. Ein ganz persönlicher Rückblick auf anderthalb Jahre.

Im Februar 2015, frisch die Bachelorarbeit abgegeben und noch ohne offizielles Abschlusszeugnis, hatte ich Zweifel. In den letzten Monaten meines Journalistik-Studiums hatte ich zahlreiche (wahrscheinlich naive) Volo-Bewerbungen geschrieben. Mal kamen die Absagen schnell und eindeutig – mal bekam ich Antworten, die ehrlich gesagt deutlich schwerer für mich zu verdauen waren:

„… weil deine Bewerbung uns aber auch besonders positiv aufgefallen ist und in der engeren Auswahl war, habe ich eine Frage an dich: Könntest du dir auch vorstellen, ein Praktikum bei uns zu machen?“

Solche Antworten ließen mich irgendwie zweifeln. Nicht an meiner unbedingten Motivation, im Journalismus arbeiten zu wollen. Aber ich habe an mir gezweifelt, an meinen Bewerbungen, an dem, was ich bisher im Lebenslauf stehen hatte.

I am thinking it’s a sign…

Auch deswegen wollte ich wahrscheinlich bewusst etwas Anderes als bisher machen, wollte raus aus meiner neuen Heimat Bremen, raus meiner bisherigen Komfortzone von Print und Online. Zur selben Zeit hatte ich die ersten US-Podcasts für mich entdeckt und dachte: „Warum nicht einfach zum Radio?“.

Zwar hatte ich im Studium das Semester in der Radio-Lehrredaktion nicht sonderlich gemocht, trotzdem rief ich einfach auf gut Glück bei detektor.fm an und landete bei Herrn Engert, dem Redaktionsleiter. Noch am selben Tag schrieb ich eine E-Mail, ganz förmlich:

Detektor.fm

Wer lieber nüchterne Fakten statt Gefühle möchte: 9 Gründe, warum detektor.fm eine tolle Adresse ist.

„Hallo Herr Engert,
wie telefonisch besprochen, finden Sie anbei meinen Lebenslauf, mein letztes Praktikumszeugnis sowie einige Arbeitsproben.
[…]
Jetzt bin ich auf der Suche nach neuen Herausforderungen und Erfahrungen. Dabei bringe ich jede Menge Motivation und Kreativität mit. Und viel Leidenschaft für Journalismus.

Mit den besten Grüßen
Sandro Schroeder“

Es dauerte zwar, aber einige Zeit später bekam ich die Zusage:

„Lieber Sandro,
wir folgen uns auf Twitter, oder? Dann lass uns doch gern duzen, wenn du nix dagegen hast? :-)
[…]
Ich würde mich sehr freuen, wenn du deine Suche nach neuen Herausforderungen und Erfahrungen bei uns fortsetzen würdest.“

…And true, it may seem like a stretch,…

Lob: Haltung, Kooperation und das Publikum ernst nehmen

Die Haltung von detektor.fm zu Germanwings hat mir damals gefallen – und sie gefällt mir heute noch. Bestimmte Meldungen und Schlagzeilen bewusst nicht oder mit einem anderen Fokus anzugehen; sich dem hyperventilierenden Nachrichtenzyklus von „Das ist bei der Konkurrenz gerade der Aufmacher, jetzt müssen wir auch schnell was dazu machen“ zu entziehen – das würde auch anderen Redaktionen gut tun.

Genauso halte ich die von detektor.fm praktizierte Zusammenarbeit mit anderen Medien – beispielsweise die Serie mit dem Recherchebüro Correctiv oder der Wochenüberblick jeden Montagmorgen mit den Kollegen von Zeit Online – für ein Best Practice Beispiel, von dem Andere lernen können. Kritiker werden jetzt sagen: „Ja klar, ihr habt halt als kleine Redaktion allein zu wenig Schlagkraft.“

Ich halte solche Kooperationen gar nicht für verwerflich, im Gegenteil. Ich habe in meiner Zeit bei detektor.fm gelernt, dass wir als MedienmacherInnen heute nicht mehr 100 mal das selbe Thema mit den selben Quellen angehen sollten und müssen. Dass es nicht mehr von den selben hastigen Pushbenachrichtungen und Eilmeldungen braucht, sondern stattdessen mehr Erklärung drumherum, mehr Hintergrund, mehr Reflektion dazu und manchmal auch einfach mehr Innehalten.

Schon im März – nahezu exakt drei Monate vor meinem ersten Tag in der Redaktion – wusste ich, dass ich mir die richtige Redaktion ausgesucht hatte:

Auch das nehme ich aus meiner Zeit bei detektor.fm mit: Wir sollten unser Publikum und dessen Medienkonsum ernst nehmen.

Wir sollten als MedienmacherInnen dafür mehr zusammenarbeiten, regelmäßiger Links und Verweise zu herausragenden Arbeiten anderer Journalisten bereitstellen und dafür weniger veraltete Links in das eigene Archiv setzen.

Auch das nehme ich aus meiner Zeit bei detektor.fm mit: Wir sollten unser Publikum und dessen Medienkonsum ernst nehmen. Wir sollten weniger Angst davor haben, anderen Medien Klick- und Abrufzahlen zu liefern. Nur weil das Thema gerade überall ist, muss man dann nicht noch zwei Tage später als Einhundert-und-Erster mit der eigenen Version davon um die Ecke kommen – nur um eine ‚eigene‘ Version auf der Seite zu haben.

Wir sollten diese redaktionelle Eitelkeit, alles ‚bei uns‘ haben zu wollen, dazu die Abhängigkeit von schnellen Likes und Retweets hinten anstellen und stattdessen darauf setzen, Menschen nachhaltig für uns zu gewinnen. Regelmäßige „alternative Rundfunkbeiträge“, großzügige Spenden mit dem Betreff „Danke“, die Bereitschaft der Hörer, die Redaktion über steady regelmäßig zu unterstützen – solches direktes Feedback spricht für den Ansatz detektor.fm – lieber Sorgfalt statt Masse.

Vor meiner Premiere als Chef vom Dienst…

https://twitter.com/SaSchroeder/status/638601211541913600

…und hinterher

https://twitter.com/SaSchroeder/status/638793653708849156

…They will see us waving from such great heights,
„Come down now,“ they’ll say…

Dank: Unterstützung, Herausforderungen und gemeinsame Zeit

Ich will nicht nur loben, ich will mich auch bedanken. Denn ich wurde bei detektor.fm anderthalb Jahre fleißig unterstützt: innerhalb und außerhalb der Redaktion. Mit Tipps aus dem reichen Erfahrungsschatz von erfahrenen Medienmachern, mit lobenden Vorstellungen bei anderen Redaktionen, mit Korrekturen und Kritik, mit Technik-Hilfe.

Ich durfte nicht einmal drei Monate nach meinem ersten Tag in der Redaktion eine wöchentliche Wirtschafts-Serie über mittelständische Unternehmen verantworten, das sehe ich noch heute als Vertrauensvorschuss. Aus der Serie wurde später eine Reportage beim Medienpreis Mittelstand ausgezeichnet und eine andere Reportage beim Rundfunkpreis Mitteldeutschland nominiert.

Im September 2016 durfte ich zum ersten Mal die Redaktion einer einstündigen Themensendung übernehmen: Ich durfte die September-Ausgabe „brand eins Magazin zum Hören“ zum Schwerpunkt „Vorbilder“ verantworten und dabei jede Menge kreative Freiheiten genießen. Keine Selbstverständlichkeit, denn die Sendung ist einer der erfolgreichsten Podcasts bei detektor.fm, regelmäßig in den deutschen iTunes-Charts vertreten und sonst „Chefsache“.

Es ist ein tolles Gefühl, wenn sich die Redaktion wie ein zweites Zuhause anfühlt.

„Danke“ will ich aber keinesfalls nur für Berufliches und Professionelles sagen. Ohne die vielen tollen menschlichen Momente inner- und außerhalb der Redaktion hätte ich diesen Text nicht geschrieben. Die alle aufzuzählen, würde jeglichen Rahmen sprengen. Deswegen sei nur so viel gesagt: Es ist ein tolles Gefühl, wenn sich eine Redaktion wie ein zweites Zuhause anfühlt.

Nobody’s perfect

Bei allem Lob will ich nicht sagen, das alles perfekt und ohne Probleme ist: Die Bezahlung könnte besser ausfallen, die Tage manchmal kürzer sein, manche Themen könnten mehr Zeit vertragen. Das wissen auch alle in der Redaktion: Luft nach oben ist immer und der Anspruch liegt bei allen immer ein Stückchen höher, als auf Dauer bequem ist.

…But everything looks perfect from far away,
„Come down now,“ but we’ll stay…

Aber eben das ist einer der Gründe, warum ich die detektor.fm-Redaktion tagtäglich als sehr motivierendes Umfeld empfunden habe: Ich habe selten Menschen erlebt, die sich selbst dermaßen ausdauernd so hohe Maßstäbe setzen – nicht weil sie es müssen, sondern, weil sie es wollen. Bequeme Hängematte ist nicht. Das färbt ab, und zwar positiv.

Bei allem Anspruch mangelt es auch nicht an Selbstkritik bei detektor.fm. Nicht nur intern – in Redaktionssitzungen, Jahresklausuren, Feierabend- und Freizeitgesprächen – schaut man bei detektor.fm zuerst auf die eigene Nase, sondern auch extern. Als beispielsweise der Medienjournalist Daniel Bouhs Ende 2015 anlässlich des sechsjährigen Bestehens von detektor.fm zu Besuch war, sprachen Redaktionsleiter Marcus und Geschäftsführer Christian realistisch und selbstkritisch über das Thema Bezahlung. Auf die Frage, wie es da bei detektor.fm im Vergleich zu den öffentlich-rechtlichen Honorarsätzen aussieht, sagte Redaktionsleiter Marcus:

„Wir sind im Moment bei 40 bis 80 Euro am Tag […] Anders gesprochen: Nur von detektor.fm kann im Moment als freier (Journalist) keiner leben. Das sind immer Mischmodelle. Wir zahlen auch mit ein bisschen mehr: Bei uns kann man zum Beispiel eine Form von Radio machen, die man einfach im Landesfunkhaus nicht machen kann. Das heißt, manche kommen zu uns sagen: ‚Ich mach‘ hier quasi den Job für’s Herz und die anderen zwei Wochen im Monat mache ich den Job für’s Konto.'“

Ich habe selten Menschen erlebt, die sich selbst dermaßen ausdauernd so hohe Maßstäbe setzen – nicht weil sie es müssen, sondern, weil sie es wollen.

Freitag, 5. August 2016, 22 Uhr 26
Ein Freitagabend im Hochsommer, es brennt noch Licht in der Redaktion:

Auch das mag ich an detektor.fm: Hier versteckt sich niemand hinter einem Firmenlogo und Marketingsprech, hier arbeiten nahbare, ehrliche, sympathische Menschen. Hier arbeitet auch keiner nur für das Geld. Hier haben alle Beteiligten ein gemeinsames Ideal, das auch gemeinsam verfolgt wird. Das schweißt – trotz einiger Widrigkeiten – eben auch zusammen.

Auch die Zusammenarbeit mit den „Chefs“ – Geschäftsführer Christian, Musikchef Gregor, Marketing-Chefin Kati und Redaktionsleiter Marcus – fühlte sich in anderthalb Jahren deswegen nie nach Hierarchie, sondern immer nach echtem Miteinander an. Deswegen „Chefs“ in Anführungszeichen. Egal wie stressig und lang die Arbeitstage waren, wie voll die Kalender und die To Do Listen waren: Ich habe keinen einzigen Tag erlebt, an dem einer der Vier kein offenes Ohr für meine Sorgen oder Fragen hatte.

Wegen all dieser Dinge gehe ich mit einem lachenden Auge. Dankbar: für viele Gelegenheiten, Möglichkeiten und Herausforderungen. Glücklich: über viele gemeinsame Sendungen und Stunden und Erfolge, über fettes Lob und ehrliche Kritik, über Förderung und Forderung, über Geduld, Verständnis und Einsatz. Und ich gehe auch mit einem lachenden Auge, weil ich weiß, wie die Reaktion auf dieses (zugegeben) ausführliche Lob ausfallen wird. Aber so sehr ich eure Bescheidenheit mag: Das hier habt ihr einfach verdient.

Deswegen gehe ich auch mit einem weinendem Auge. Traurig: weil detektor.fm für mich kein Sprungbrett war und ist, auf dem man kurz federt, um den nächsten Sprung zu schaffen. Weil mir die Zusammenarbeit mit diesen sehr ans Herz gewachsenen, tollen Kollegen und besonderen Menschen fehlen werden. Weil man sowas nicht leichten Herzens verlässt. Weil so etwas nicht leicht das Herz verlässt.

…I tried my best to leave…

…When you are out there on the road
For several weeks of shows
And when you scan the radio,
I hope this song will guide you home…

The Postal Service – Such Great Heights
– übrigens der erste Song, der bei detektor.fm on air ging.

9 Gründe, warum detektor.fm eine tolle Adresse ist

  1. Mitmachen statt über Schultern schauen: Bei einem Praktikum darf man ab Tag 1 mitgestalten.
  2. Lernen, lernen, lernen: Ich bin ohne jegliche Radio-Erfahrung gekommen, aber gehe mit einem reichen Erfahrungsschatz.
  3. Wachsen: Wer Motivation mitbringt, darf sich beweisen und schnell auch Verantwortung übernehmen.
  4. Freiheiten statt Einschränkungen: Hier darf man sich ausprobieren und austoben – auch mit langen Beiträgen und Interviews.
  5. Teamsport: Hier wartet ein tolles Team, das zusammenhält, das Spaß hat und sich gegenseitig unter die Arme greift.
  6. #innovation: „Radio-Revolution von unten“ ist keine Floskel, sondern ernst gemeint und ernst zu nehmen.
  7. Arbeiten: Als freier Journalist kann man hier unkompliziert (Studio-)Technik mitbenutzen. Veröffentlichen, was andere Auftraggeber wegkürzen müssen. Herzensthemen unterbringen.
  8. Netzwerken: Der Name detektor.fm öffnet Türen.
  9. Gewissen: Hier darf man das Radio machen, das man selber hören möchte. Ohne jeden Scheiß.